Bald jährt sich das Unglück von Rana Plaza zum zehnten Mal. Bis heute gilt der Einsturz der Textilfabrik in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka am 24. April 2013 als das schwerste Unglück in der Geschichte der internationalen Textilindustrie. 1136 Menschen verloren ihr Leben, mehr als 2000 wurden verletzt. Durch das Unglück wurden die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen an den globalisierten Lieferketten schlagartig in das Bewusstsein westlicher Konsument*innen gerufen. Strengere Arbeitsschutzvorgaben, die Mitverantwortung großer westlicher Modeketten sowie nachhaltiger und bewusster Konsum bestimmten Medien und Debatte. 10 Jahre nach dem Unglück stellt sich allerdings die Frage, was von alldem geblieben ist.
Auch heute kommt es jedes Jahr immer noch zu vielen tödlichen Unglücken in der globalen Bekleidungindustrie. Weniger in Bangladesch, wo die Sicherheitsstandards in Textilfabriken durch umfassende Kontrollen und mit Unterstützung durch die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) sowie die großen globalen Bekleidungsketten deutlich verbessert werden konnten, dafür aber in anderen Ländern wie Indien, Pakistan oder Ägypten. Neben der mangelnden Sicherheit in vielen Textilfabriken bestehen weitere Probleme der globalisierten Textilindustrie fort: Sexualisierte Gewalt gegenüber den zumeist weiblichen Textilarbeiter*innen und sogenanntes „unionbusting“, also die Zerschlagung von Gewrerkschaften, gibt es bis heute. Außerdem werden immer noch zu geringe Löhne gezahlt. Nach einer Berechnung der NGO Clean Clothes Campaign aus dem Jahr 2019 liegen die Mindestlöhne in wichtigen Textilproduktionsländern wie China, Indien oder eben Bangladesch weit unter dem Existenzminimum. Die Organisation kritisiert, dass die einzelnen Länder sich im Wettbewerb um die geringsten Löhne befinden würden, um so die Aufträge der großen Textilketten anzuziehen, die die Preise diktieren könnten.
Doch KiK und Adidas sind deutsche Unternehmen, H&M ein schwedischer Konzern und Inditex eine spanische Gruppe. Insofern können nicht nur strengere Regeln und höhere Mindestlöhne vor Ort in den Produktionsländern, sondern auch die Politik westlicher Staaten die Arbeitsbedingungen an den Lieferketten der globalen Textilindustrie beeinflussen. Seit Anfang dieses Jahres gilt in Deutschland dazu das sogenannte Lieferkettengesetz. Es macht große deutsche Unternehmen für die Einhaltung von Menschenrechten an ihren weltweiten Lieferketten verantwortlich. Während Wirtschaftsverbände die im Gesetz verankerten Sanktionsmöglichkeiten für zu streng halten, kommt gegensätzliche Kritik von der Initiative Lieferkettengesetz. Grundsätzlich begrüßt das Bündnis aus 130 Organisationen zwar die Einführung des Gesetzes, bemängelt allerdings, dass es zu viele Ausnahmen gebe und für Betroffene keinen Anspruch auf Schadensersatz beinhalte. Auch die EU will ein Lieferkettengesetz einführen, das sich allerdings aktuell noch im Gesetzgebungsverfahren befindet. Doch schon jetzt gibt es Kritik: Wirtschaftsverbände wie der BDI und der BDA warnen vor Bürokratie, einem Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und einem Rückzug europäischer Unternehmen aus ärmeren Weltregionen. Die Initiative Lieferkettengesetz hingegen kritisiert, dass sich die Bundesregierung für eine Abschwächung des Gesetzes einsetzt.
Doch wie entscheiden sich die Konsument*innen im Jahr 2023? Haben schockierende Meldungen wie das Unglück von Rana Plaza zu einem langfristigen Bewusstseinswandel geführt? Eine Umfrage der Beratungsgesellschaft KPMG im Jahr 2020 ergab, dass 53% der Befragten sich für die Arbeitsbedingungen interessieren, unter denen ihre Kleidung hergestellt wird. 73% können sich vorstellen, in Zukunft nachhaltige Mode zu kaufen. Allerdings sind nur 26% der Befragten in einer anderen Umfrage aus dem Jahr 2021 dazu bereit, mehr Geld für ethische Standards auszugeben. Der Preis bleibt also ein zentrales Kriterium beim Klamottenkauf. Es ergeben sich daraus zwei parallele Trends: Einerseits werden Alternativen zu Fast Fashion beliebter. Der Umsatz mit fair gehandelter Bekleidung war 2021 trotz eines Rückganges infolge der Corona-Pandemie mehr als dreimal so hoch wie 2013, als sich das Unglück von Rana Plaza ereignete. Und auch Second Hand boomt. 2022 stieg der Umsatzanteil von Second Hand am gesamten Bekleidungsmarkt erstmals über 10%. Andererseits liegt auch Fast Fashion immer noch voll im Trend. Der globale Marktführer Inditex, zu dem Marken wie Zara und Pull&Bear gehören, kann seinen Umsatz immer weiter steigern. Und der zuletzt stark gewachsene Onlinehandel hat Fast Fashion-Riesen wie Asos, Zalando oder Shein heranwachsen lassen, die 2013 wohl kaum jemand kannte. Expert*innen gehen außerdem davon aus, dass die aktuelle Inflationskrise der Fast Fashion-Industrie in die Hände spielen dürfte.
Auch 10 Jahre nach dem Unglück von Rana Plaza gibt es also eine weiterhin große Nachfrage nach billiger Kleidung. Denn die Entwicklung hin zu einem verantwortungsbewussteren Konsum erfasst eben längst nicht die Gesamtheit der Konsument*innen. In Ländern wie Bangladesch führt das dazu, dass sich nur wenig ändert. Der Preisdruck der großen Bekleidungsketten erschwert die Durchsetzung höherer Löhne und besserer Arbeitsbedingungen. Und welchen Einfluss westliche Lieferkettengesetze nehmen können, ist noch unklar. Die grundlegenden Missstände entlang der Lieferketten der globalen Textilindustrie bleiben damit bestehen, auch wenn sie nicht durch ein erschreckendes Unglück wie das von Rana-Plaza erneut sichtbar werden.
Ergänzende Informationen:
Umweltauswirkungen von Textilproduktion und -Abfällen | www.europarl.europa.eu



















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