Venedig – Wo der Tourismus sein Ziel verschlingt

Venedig – Wo der Tourismus sein Ziel verschlingt

Venedig sei heutzutage wie ein lebendiges Museum, erzählt die Museumsführerin, die mich und eine große Gruppe aus 30 weiteren Tourist*innen an einem Morgen im Oktober durch das berühmte jüdische Ghetto der Lagunenstadt führt. Es gäbe weder Häuser noch Arbeit für die Venezianer*innen, weshalb sich viele dazu entschließen würden, die Stadt zu verlassen. Mehr als 100.000 Einwohner*innen hat das historische Zentrum von Venedig seit 1945 an das Festland verloren, nur noch etwa 53.000 Menschen leben heute dort. Diese Zahl wirkt verschwindend gering, verglichen mit den 25 Millionen Tourist*innen, die Venedig im Jahr 2019 besuchten.

Ich habe Glück und bereise Venedig in der Nebensaison. Es ist vergleichsweise leer. Trotzdem schieben sich die Menschen durch die Gassen und drängen sich für das obligatorische Selfie mit der Seufzerbrücke. Auf dem Markusplatz, dem Wahrzeichen der Stadt, bilden sich lange Schlangen und wer über die berühmte Rialtobrücke will, muss durchs Gedränge.

Kein Wunder also, dass die meisten Venezianer*innen heute nicht mehr im Zentrum, sondern in anderen Vierteln wohnen. In Cannaregio, Dorsoduro und Castello ist noch nicht jede Wohnung ein AirBnB und noch nicht jeder Laden ein Souvenirshop mit mehr oder weniger authentischem Murano-Glas. Hier sind die Gässchen noch menschenleer und in der örtlichen Eisdiele wird man noch auf Italienisch angesprochen. Die in diesen Vierteln viel seltener anzutreffenden Tourist*innen erwartet zwar nicht das Spektakel von San Marco, Rialto oder dem Canal Grande, dafür aber ein authentisch gebliebenes Venedig.

menschenleer – die weniger touristischen Viertel Venedigs

Doch auch in diesen Stadtteilen hält der Tourismus langsam Einzug. So liegt der litauische Pavillon der 59. Biennale mitten im weniger touristischen Castello. Der Probleme Venedigs ist man sich hier bewusst: Die ausgestellte Installation „Gut Feeling“ des Künstlers Robertas Narkus ähnelt einem Unternehmen, das die in Venedig invasive Wakame-Alge verarbeitet. Der Ausstellungsort in Castello sei dabei bewusst gewählt, um die Einwohner*innen des Viertels mit dem Kunstwerk interagieren zu lassen, Gentrifizierungsprozesse zu thematisieren und auch die Rolle der Biennale kritisch zu hinterfragen. Denn die Biennale und der litauische Pavillon seien hier im Stadtteil ähnlich invasiv wie die Algenart in den Kanälen.

Einige Straßen weiter komme ich am Laboratorio Occupato Morion vorbei, einem besetzten und zum Kulturzentrum umfunktionierten Haus, betrieben von einem antifaschistischen Kollektiv. Ob es schwierig sei, so einen Ort für die Bewohner*innen Venedigs zu erhalten, möchte ich von den Organisator*innen wissen, die ich vor Ort antreffe. Doch die scheinen unbesorgt. Man habe hier die ganze Stadt hinter sich, so die Antwort.

Schriftzug gegen den Massentourismus

Angesichts von wütenden Anwohner*innen und Protesten will auch die Politik mehr für einen nachhaltigeren Tourismus tun: Bereits im Jahr 2021 hat die italienische Regierung Kreuzfahrtschiffen die Einfahrt in das historische Zentrum von Venedig verboten und damit womöglich verhindert, dass die Lagunenstadt von der Unesco auf die rote Liste des gefährdeten Weltkulturerbes gesetzt wird. Die für Januar 2023 angekündigte Einführung eines umstrittenen Ticketsystems samt Eintrittsgebühren für Tagestouristen wurde Ende letzten Jahres allerdings erneut verschoben. Ob in einer Stadt, in der so viele Menschen vom Tourismus leben, wirklich funktionierende Beschränkungen eingeführt werden können, bleibt also weiterhin fraglich.

Venedig ist immer eine Reise wert. Der Charme der Lagunenstadt lässt sich auch vom internationalen Touristenansturm nicht brechen. Und doch sind die sozialen Verwerfungen, die der Massentourismus mit sich bringt, überall sichtbar. Ein Wandel scheint nicht in Sicht, trotz Kreuzfahrtschiffverbot und der möglichen Eintrittsgebühr. Um den Menschenmengen zu entkommen, lohnt sich also ein Abstecher in die Viertel Venedigs, die nicht in den vollen Tagesablauf der Kreuzfahrttouristen passen. Dort lassen sich Schönheit und Lebensrhythmus der Stadt viel ursprünglicher genießen. Unklar ist allerdings, wie lange noch.

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Valentin
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